Johst Klems Schreib mir
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4. Oktober 2026

Die Welt will, dass du so vieles bist

Sich an anderen zu orientieren ist ein guter Mechanismus. Er war nur nie für diese Menge gebaut.

Kinder lernen, indem sie abschauen. Sie übernehmen Haltungen, Tonfall, Gesten und ganze Lebensentwürfe von Menschen, die sie für wichtig halten, lange bevor sie verstehen, warum diese Menschen so sind, wie sie sind. Das ist keine Schwäche. Es ist der schnellste Weg, handlungsfähig zu werden, und ohne ihn käme niemand durch die ersten zwanzig Jahre.

Dieses Abschauen ist alt, und es war für überschaubare Verhältnisse gedacht. Für eine Familie, eine Schule, ein Dorf. Für ein paar Dutzend Menschen, die man täglich sieht und deren Leben man in Gänze kennt, mit allen Brüchen. Unter diesen Bedingungen ist Vergleich eine brauchbare Information. Man sieht, was möglich ist, und man sieht auch, was es gekostet hat.

Heute sind es nicht dreißig Menschen. Es sind tausend am Tag, ausgewählt, zugeschnitten, auf Wirkung gebaut. Und es hört nicht auf.

Warum diese Bilder so gebaut sind

Hier spreche ich aus Erfahrung, denn ich stehe auf der anderen Seite. Ich führe seit über zehn Jahren eine Agentur und baue solche Bilder beruflich.

Sie entstehen nicht zufällig und sie sind auch nicht einfach hübsch. Ein Bild, das wirken soll, erzeugt einen Abstand, der vorher nicht da war: zwischen dem, was jemand hat, und dem, was er haben könnte. Zwischen dem, wer er ist, und wer er wäre, wenn. Dieser Abstand ist kein Nebeneffekt, er ist die eigentliche Arbeit. Er bringt Menschen in Bewegung, und Bewegung ist das, wofür ich bezahlt werde. Das ist nicht hinterhältig, das ist das Handwerk, und jeder in der Branche kennt es.

Für die Wirtschaft funktioniert das hervorragend. Für die Persönlichkeit funktioniert es nicht.

Dass das nicht folgenlos bleibt, ist deshalb keine Kulturkritik, sondern eine schlichte Rechnung. Das Abschauen von früher hört ja nicht auf, nur weil man erwachsen wird. Es arbeitet unverändert weiter, und es prüft nicht, wie viel ihm vorgelegt wird. Es nimmt die Bilder, die kommen, und macht daraus Maßstäbe. Nicht bewusst, nicht als Entscheidung. Einfach, weil es dafür gebaut ist.

Überlagert, nicht gelöscht

Das Ergebnis ist nicht, dass jemand sich selbst verliert. Es ist leiser und deshalb schwerer zu bemerken. Die eigene Stimme ist noch da. Sie liegt nur unter einer Schicht aus Erwartungen, die man irgendwann aufgenommen und nie wieder angesehen hat.

Man merkt es an Kleinigkeiten. Daran, dass ein Ziel erreicht wird und sich nichts einstellt. Daran, dass man etwas tut und nicht sagen kann, ob man es will oder ob man sich sonst schlecht fühlen würde. Daran, dass man auf die Frage, was man eigentlich möchte, sehr schnell eine Antwort hat und sehr langsam ein Gefühl dazu.

Und dann kommt der Fehler, den fast jeder macht. Ich habe ihn auch gemacht.

Mehr Input gegen zu viel Input

Mein Regal war voll. Bücher über Entwicklung, über Führung, über Gewohnheiten, über das gute Leben. Podcasts auf dem Weg ins Büro. Ich war überzeugt, dass die Antwort in der nächsten Lektüre steht, und wenn nicht dort, dann in der übernächsten.

Es hat nicht funktioniert, und rückblickend ist klar, warum. Jeder dieser Ratgeber beschreibt einen Weg, den jemand anderes gegangen ist, erzählt von hinten, nachdem er funktioniert hat. Das ist ehrlich gemeint und oft klug. Nur ist es wieder ein Bild von außen. Ich habe versucht, ein Problem der Überlagerung zu lösen, indem ich weitere Schichten aufgetragen habe.

Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich dabei nicht leiser werde, sondern lauter.

Ausgraben statt erfinden

Die Aufgabe ist eine andere, und sie ist unspektakulär. Es geht nicht darum, sich neu zu erfinden, und schon gar nicht darum, alles Fremde abzuschneiden. Es geht darum, das Eigene wieder freizulegen und es dann nicht falsch zu lesen.

Denn auch das passiert. Man gräbt etwas aus und hält es für eine Schwäche, weil es zu keinem der Bilder passt, die man kennt. Man hält Unruhe für Unzufriedenheit, Langsamkeit für Trägheit, eine klare Abneigung für Arroganz. Dabei sind das oft die ersten verlässlichen Signale, die man seit Jahren von sich selbst bekommt.

Eine Frage hilft mir dabei, und sie ist weder originell noch kompliziert. Wenn ich merke, dass ich etwas unbedingt will, frage ich mich, ob ich es auch wollen würde, wenn es niemand mitbekommt. Keine Ankündigung, kein Beitrag, kein Gespräch darüber. Nur die Sache selbst.

Das löst nichts. Aber es sortiert. Bei manchen Dingen bleibt die Antwort sofort ja, und man spürt es bis in die Finger. Bei anderen wird es still, und dann weiß man, dass man gerade jemand anderem zuhört.

Und es bleibt eine Balance. Niemand kommt ohne Vorbilder aus, auch mit vierzig nicht. Es macht nur einen Unterschied, ob ich mir etwas aussuche oder ob es mir zufällt. Das Erste ist Orientierung. Das Zweite ist Übernahme.

Der Weg, der dabei herauskommt, steht in keinem Buch, auch nicht in diesem Text. Das ist unbequem, weil es länger dauert. Und es ist der einzige Grund, warum er am Ende trägt.


Geschrieben von Johst Klems. Wenn dich Wachstum, Substanz oder eines dieser Themen umtreibt - schreib mir.