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30. Juni 2026

Routinen brechen. Bei mir immer.

Warum ich seit fünfzehn Jahren kein Tagebuch durchhalte - und warum das der Anfang von allem war.

Ich schreibe seit fünfzehn Jahren Tagebuch. In Day One, einer App, die mich jeden Morgen daran erinnert. Und wenn ich heute meine Einträge durchscrolle, sehe ich: einen Monat nichts. Dann fünf Einträge hintereinander. Dann drei Wochen Stille. Dann ein langer Eintrag um drei Uhr nachts.

Fünfzehn Jahre. Kein einziges Mal durchgehalten.

Lange habe ich gedacht, das sei mein Problem. Und nicht nur beim Tagebuch. Jeden Morgen eine Instagram-Story - drei Wochen, dann vorbei. Zeiterfassung - vergessen. LinkedIn - zwei Wochen Feuer, dann Funkstille. Feste Sporttage - funktioniert zwei Monate, dann bricht es weg. Selbst Mannschaftssport: Als Kind ging das, aber irgendwann wurde die feste Struktur zum Käfig. Die Persönlichkeit ist gewachsen, der Rahmen nicht.

Ich habe Jahre damit verbracht, das für ein Versagen zu halten.

Beharrlichkeit 2

Dann kam ein Persönlichkeits-Assessment. Kein Online-Quiz, sondern eine Analyse, die mein Arbeitssystem bis auf die Knochen vermessen hat. Ein Wert stach heraus: Beharrlichkeit. 2 von 100.

Zwei.

Erster Impuls: Na toll, jetzt ist es amtlich.

Aber dann passierte etwas Unerwartetes. Es war keine Diagnose. Es war Erleichterung. Wie wenn du fünfzehn Jahre lang versuchst, mit einem Metermaß die Temperatur zu messen - und jemand sagt: Das ist ein Thermometer. Du hast das falsche Instrument benutzt.

Ich bin kein kaputter Marathonläufer. Ich bin ein Sprinter. Sieben bis zehn Tage Vollgas, dann Erholung. In diesen Sprint-Phasen bewege ich mehr als andere in einem Monat. Und dann brauche ich Pause - nicht weil ich aufgebe, sondern weil der Sprint vorbei ist.

Mein Tagebuch? Kein Zeichen von Undisziplin. Sondern das Abbild meines Betriebssystems. Fünf Einträge, wenn der Sprint läuft. Einen Monat nichts, wenn ich auflade. Das ist nicht kaputt. Das ist Muster.

Identität statt Routine

Die Wende war ein Perspektivwechsel. Weg vom Verhalten, hin zur Identität.

Routine sagt: Ich mache ab jetzt jeden Morgen Sport. Hält drei Wochen.

Identität sagt: Ich bin jemand, der Sport treibt. Hält, auch wenn das Format wechselt - mal morgens, mal abends, mal zehn Tage am Stück, mal drei Wochen gar nicht.

Die Entscheidung, wer ich bin, ist die Konstante. Die Form darf sich ändern. Und dieses Prinzip gilt nicht nur für Sport. Ich bin jemand, der reflektiert - deswegen gibt es das Tagebuch seit fünfzehn Jahren, auch wenn ein Monat leer bleibt. Ich bin jemand, der führt - auch wenn ich kein Tagesplan-Chef bin.

Nicht ich muss konstant sein. Mein System muss es sein.

Werde, wer du bist

Verstehen, wer man ist - das ist die Grundlage für alles, was danach kommt. Sich akzeptieren, mit dem, was man mitbringt. Und dann aus diesem Kern herauswachsen, in die nächste Version von sich selbst. Nicht jemand anderes werden. Sondern größer werden, ohne den Kern zu verlieren. So wie eine Matruschka rückwärts: nicht von außen nach innen, Schicht für Schicht abtragen - sondern von innen nach außen, Schicht für Schicht dazugewinnen.

Das Problem ist nur: Man kennt ja nur sich selbst. Das eigene System fühlt sich normal an, weil man nie ein anderes hatte. Meine Beharrlichkeit 2 war für mich fünfzehn Jahre lang einfach „so bin ich halt” - und gleichzeitig „was stimmt nicht mit mir?”. Beides gleichzeitig, ohne es auflösen zu können. Es hat jemanden von außen gebraucht, der draufschaut und sagt: Das ist kein Defekt. Das ist dein Betriebssystem. Und es funktioniert - nur anders.

Wer sich selbst erkennen will, braucht oft diese Reflexion von außen. Nicht, weil man sich nicht kennt. Sondern weil man sich zu gut kennt, um die eigenen Muster noch zu sehen.

Ich schreibe solche Situationen hier auf, weil sie für mich zeigen, zu was Coaching in der Lage ist. Es geht nicht um Ratschläge. Nicht darum, Methoden zu verkaufen oder jemanden zu optimieren. Es geht um eine ganz menschliche Sache: den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen - und dann jemanden zu haben, der dir hilft, wieder Abstand zu gewinnen. Klarheit zu bekommen. Erkennen, benennen, steuern. Ich bin allen Coaches, die mich auf diesem Weg begleitet haben, dankbar. Ohne sie wäre Beharrlichkeit 2 heute noch ein Versagen und kein Betriebssystem.


Geschrieben von Johst Klems. Wenn dich Wachstum, Substanz oder eines dieser Themen umtreibt - schreib mir.