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4. Mai 2026

Klartext-Coaching: was es heißt, anderer Meinung zu sein

Warum der reine Frage-Coach-Stil oft an seine Grenzen kommt — und wie Coaching wirkt, wenn der Coach eine eigene Position hat.

Es gibt eine Schule des Coachings, die sagt: Ein guter Coach hat keine eigene Meinung. Er stellt Fragen, hält den Raum, spiegelt zurück. Der Klient findet seine Antworten selbst. Der Coach ist Werkzeug, nicht Stimme.

Diese Schule hat ihre Berechtigung. Sie kommt aus der humanistischen Tradition — Carl Rogers, Klientenzentrierung, das Vertrauen darauf, dass jeder Mensch die Antworten in sich trägt. Wenn ein Coach nur Fragen stellt, kann der Klient ungestört zu sich kommen.

Ich glaube nicht, dass das immer reicht.

Was reine Frage-Coaches übersehen

Wenn du mit Menschen arbeitest, die viel Erfahrung, viel Druck und wenig Zeit haben — Geschäftsführer:innen, Unternehmer:innen, Führungskräfte —, dann kommen die nicht zu dir, weil sie ihre eigenen Antworten nicht finden können. Sie kommen, weil sie zu viele eigene Antworten haben und nicht mehr unterscheiden können, welche davon trägt.

In dieser Situation einfach nur Fragen zu stellen, hilft begrenzt. Es kann sich anfühlen wie therapeutische Beschäftigungstherapie. „Was denkst du dazu?” — „Wie fühlt sich das für dich an?” — „Was wäre dein nächster Schritt?” Klar, irgendwann findet der Klient eine Antwort. Aber war es die richtige? Hätte ein anderer Blickwinkel zu einer besseren Antwort geführt?

Ein Coach, der zehn Jahre Unternehmertum hinter sich hat, hat einen anderen Blickwinkel. Und dieser Blickwinkel kann nützlich sein, wenn der Klient es zulässt.

Was Challenger-Coaching ist

Mein Coaching-Stil ist anders. Ich höre zu. Ich frage. Aber wenn ich etwas weiß, das hilft, halte ich es nicht zurück. Wenn ich etwas sehe, was übersehen wird, sage ich es. Wenn ich anderer Meinung bin, widerspreche ich.

Ich nenne das Challenger-Coaching. Es funktioniert über drei Säulen:

Erste Säule: Position. Ich habe eine eigene Meinung zu den meisten Dingen, die meine Klient:innen mir erzählen. Ich werde sie nicht verstecken, um „neutral” zu wirken. Neutralität ist oft Feigheit. Ich werde sie aber auch nicht aufdrängen — sie steht im Raum als Angebot.

Zweite Säule: Klartext. Wenn etwas nicht funktioniert, sage ich das. Wenn ein Plan Lücken hat, sage ich das. Wenn die Geschichte, die ein Klient sich über seine Situation erzählt, nicht stimmt, sage ich auch das. Das ist nicht respektlos. Das ist Respekt — vor der Zeit, die wir miteinander verbringen, und vor der Substanz, an der wir arbeiten.

Dritte Säule: Material, nicht Vorlesung. Meine Meinung ist nicht das Endergebnis. Sie ist Material, mit dem der Klient arbeiten kann. Er kann sie übernehmen, ablehnen, modifizieren — sie ist ein zusätzlicher Input, kein Befehl.

Warum das wichtig ist

Coaching ist kein Tribunal, in dem der Coach Recht hat. Coaching ist auch kein Tribunal, in dem der Klient Recht hat. Coaching ist ein Raum, in dem zwei Menschen für 90 Minuten ehrlich arbeiten. Und Ehrlichkeit braucht zwei Stimmen, nicht eine.

Wenn ich nichts sage, wenn ich nur frage, dann zwinge ich den Klienten, alleine zu denken, obwohl er einen zweiten Kopf bezahlt. Das ist nicht klug. Es ist auch nicht nett. Es ist nur bequem für mich.

Was das für die Klient:innen heißt

Wer mit mir arbeitet, muss aushalten können, dass ich widerspreche. Das ist die Eintrittskarte. Wenn jemand einen Coach sucht, der ihn nur bestätigt, bin ich der falsche.

Aber: Widerspruch ist nicht Konfrontation. Ich widerspreche nicht aus Lust am Streit, sondern weil ich glaube, dass ein Punkt wichtig ist. Ich widerspreche mit Respekt, nicht mit Härte. Und ich bin offen für Gegenwiderspruch — wenn der Klient mich überzeugt, ändere ich meine Meinung. Das ist kein Problem. Das ist das Spiel.

Eine kleine Geschichte

Vor einiger Zeit saß eine Geschäftsführerin in einer meiner Sessions, die ihr Unternehmen verkleinern wollte. Sie hatte sich das gründlich überlegt. Zahlen, Argumente, Gefühl — alles sprach dafür, mehrere Bereiche abzustoßen.

Ich habe ihr gesagt: Ich glaube, du irrst dich. Du verwechselst Müdigkeit mit Strategie.

Sie hat eine halbe Stunde dagegen argumentiert. Ich habe Gegenargumente vorgebracht. Am Ende der Session war sie immer noch nicht sicher. Sie hat sich Zeit genommen, hat geprüft. Drei Monate später hat sie nicht verkleinert. Sie hat einen Bereich umgebaut und einen neuen aufgemacht. Ihre Worte: „Wenn du mir nicht widersprochen hättest, hätte ich verkleinert. Und es wäre falsch gewesen.”

Das ist Challenger-Coaching. Es funktioniert, wenn beide Seiten bereit sind, mitzudenken.

Für wen das passt

Du suchst keinen Coach, der dich abnickt. Du suchst jemanden, der mit dir denkt, der dir widerspricht, wenn nötig, und der seine eigene Erfahrung einbringt, wenn sie hilft.

Wenn das deine Art zu arbeiten ist — sprich mich an.


Geschrieben von Johst Klems. Wenn dich Wachstum, Substanz oder eines dieser Themen umtreibt — schreib mir.