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11. Juni 2026

Warum KI mein Coaching nicht ersetzt — sondern erweitert

Was KI in Coaching-Prozessen leisten kann, was nicht, und warum ich sie aktiv in meine Arbeit integriere.

Die häufigste Frage, die mir in den letzten Monaten gestellt wird, ist nicht „Was machst du als Coach?”. Sondern: „Wird dich KI nicht bald ersetzen?”

Verständlich. Es gibt mittlerweile Apps, die mit dir reden, dir Reflexionsfragen stellen, dich durch Achtsamkeitsübungen führen, dir Tipps zur Mitarbeiterführung geben. Manche davon sind erstaunlich gut. Andere sind erstaunlich oberflächlich. Beides existiert nebeneinander.

Meine Antwort darauf ist nicht: „Das ist alles Quatsch, Coaching geht nur menschlich”. Meine Antwort ist: KI verändert mein Coaching, aber sie ersetzt es nicht. Und ich nutze sie aktiv. Hier ist, wie ich darüber denke.

Was KI gut kann

Strukturierung. Wissensaufbereitung. Reflexionsanstöße. Erinnern. Zusammenfassen. Mustererkennung in großen Textmengen. Verfügbarkeit rund um die Uhr.

Ein konkretes Beispiel: Wenn ein Klient zwischen unseren Sessions an einer Frage arbeitet — sagen wir, „Wie strukturiere ich meine nächste Führungsklausur?” — kann er das mit einem KI-Assistenten weiterspinnen. Ideen sortieren, Argumente prüfen, Gegenpositionen finden. Das spart Zeit in unserer Session, weil wir nicht bei null anfangen.

Anderes Beispiel: Ich selbst nutze KI für Vorbereitung. Wenn ich morgen einen Klienten sehe, mit dem ich über sein Geschäftsmodell sprechen werde, kann ich vorab Hypothesen prüfen, alternative Perspektiven generieren, Sparring mit der KI simulieren. Ich komme nicht naiv ins Gespräch — ich komme vorbereitet.

Was KI nicht kann

Beziehung. Spannung halten. Schweigen aushalten. Zwischen den Zeilen lesen, was nicht gesagt wird. Den Klienten in einer schwierigen Phase tragen, ohne ihn zu retten. Die richtige Frage stellen, weil man die Stimmung im Raum spürt.

Coaching ist keine Informationsverarbeitung. Coaching ist Resonanz. Es passiert in dem Raum zwischen zwei Menschen, die sich für 90 Minuten aufeinander einlassen — mit allem, was sie sind. Du kannst eine KI nicht in den Augen anschauen. Sie weiß nicht, wann sie still sein muss. Sie hat keine eigene Geschichte, die in das Gespräch fließt. Und vor allem: sie hat keine eigene Position.

Mein Coaching-Stil ist Challenger-Stil. Ich halte meine Meinung nicht zurück. Wenn ich glaube, ein Klient läuft in die falsche Richtung, sage ich es. Eine KI wird das nie tun — sie ist zu höflich, zu konsensorientiert, zu sehr darauf trainiert, dem Nutzer zu gefallen.

Wie ich KI in meine Arbeit integriere

Drei konkrete Wege:

Zwischen den Sessions. Klienten können mit der KI weiterarbeiten an dem, was wir besprochen haben. Ich gebe ihnen manchmal konkrete Prompts mit — „Frag die KI nach drei Gegenpositionen zu deinem aktuellen Plan”. Das verlängert die Wirkung unserer Session.

Zur Vorbereitung. Ich nutze KI, um mich auf Sessions vorzubereiten, Themen zu strukturieren, Hypothesen zu testen. Macht mich nicht zum besseren Coach — aber zu einem, der nicht erst im Gespräch anfängt zu denken.

Im Coaching selbst. Bei manchen Themen — vor allem strategischen Geschäftsführer-Fragen — schalte ich die KI manchmal aktiv mit ein. Wir nutzen sie als dritte Stimme, die Gegenpositionen oder Marktdaten liefert. Der Klient bleibt der Entscheider, ich bleibe der Sparringspartner, die KI ist der Researcher.

Wo KI gefährlich wird

Wenn sie zur Ersatzbeziehung wird. Es gibt Menschen, die zunehmend Trost, Reflexion und Selbstvergewisserung in der KI suchen. Das ist nicht harmlos. Eine KI bestätigt dich tendenziell — weil sie gefällig trainiert ist. Sie ist kein Spiegel, sondern ein Echo. Wer nur noch Echos hört, verliert die Fähigkeit, Widerspruch auszuhalten.

Coaching ist genau das Gegenteil: Widerspruch, der einen weiterbringt. Reibung, die Substanz erzeugt. Eine KI kann das simulieren, aber nicht ersetzen.

Was das für Geschäftsführer:innen heißt

Wenn du als Führungskraft KI in deinen Alltag integrierst — und das solltest du, weil es ein massiver Hebel ist — dann brauchst du gleichzeitig einen Raum, in dem du nicht effizient sein musst. Einen Raum, in dem dir jemand widerspricht. Einen Raum, in dem die Stimmung wichtiger ist als das Output.

Das ist meine Hypothese für die nächsten Jahre: Je mehr KI in unseren Alltag eindringt, desto wichtiger werden die wenigen Räume, in denen sie nicht ist. Coaching kann einer davon sein. Genau deswegen sehe ich KI nicht als Bedrohung — sondern als das, was meine Arbeit umso wertvoller macht.

Was als nächstes kommt

Ich arbeite gerade daran, KI noch klarer in mein Coaching-Format zu integrieren. Konkret: ein Sub-Format „KI-Sparring für Führungskräfte”, bei dem wir gemeinsam an deinem KI-Einsatz arbeiten — strategisch, methodisch, praktisch. Mehr dazu in den nächsten Monaten.

Wenn dich dieses Thema umtreibt, schreib mir. Auch wenn du noch keine konkrete Frage hast — das ist gerade ein gutes Thema, um sich mal eine Stunde Zeit dafür zu nehmen.


Geschrieben von Johst Klems. Wenn dich Wachstum, Substanz oder eines dieser Themen umtreibt — schreib mir.